Telefonie · Werdegang

Vom Draht zur Glasfaser

Parallel zur Mailbox lief mein Weg durch die Telefonie. Nachts fuhr ich Mailbox-Polls und beantwortete die Useranfragen, tagsüber zog ich Leitungen und stellte Telefonanlagen ein. Dieselbe Technik, zwei Leben.

Schon gewusst?Als ich 1989 mein erstes Modem anschloss, war die Technik dahinter schon über hundert Jahre alt.

Sie beginnt beim Telegraphen: Samuel Morse entwickelte in den 1830er-Jahren den elektrischen Telegraphen und mit Alfred Vail 1838 den nach ihm benannten Morsecode – Buchstaben als Folge von kurzen und langen Impulsen. Am 24. Mai 1844 ging die erste Leitung zwischen Washington und Baltimore in Betrieb. Erstmals reiste eine Nachricht schneller als der Bote.

Der nächste Schritt war die Sprache selbst. Der deutsche Lehrer Philipp Reis baute 1861 das erste Gerät, das Töne über einen Draht übertrug – und prägte dafür das Wort „Telephon“. Seinen ersten Testsatz wählte er bewusst unsinnig, damit niemand ihn erraten statt hören konnte: „Das Pferd frisst keinen Gurkensalat.“ Klare Sprache konnte es noch nicht.

Die gelang Alexander Graham Bell: Er erhielt am 7. März 1876 das Patent auf das Telefon; wenige Tage später sprach er die ersten verständlichen Worte an seinen Assistenten Watson. Aus Impulsen auf dem Draht war eine Stimme geworden – und aus dieser Idee wuchs das Netz, an das ich gut hundert Jahre später mein Modem hängte.

Ein geliehenes Modem

Angefangen hat alles im Juli 1989, an einem Grillfest der Amiga User Group Liechtenstein. Jemand erzählte von Modems und Mailboxen, für mich völlig neu. Ein Freund lieh mir sein SupraModem 2400 für eine Woche. Ich hängte es zu Hause an, und die Telefonleitung meiner Eltern war eine Woche lang dauerbelegt. Kostenpunkt: knapp 200 CHF für diese Woche. Ich war noch in der Schule. Gepackt hat es mich trotzdem, und kurz darauf kaufte ich mein eigenes.

Die Rechnung über 1200 Franken

1990 begann ich die Ausbildung als Elektromonteur. Telefonie war dort nur ein kleiner, sehr einfacher Teil. Privat lief ich längst mit einem USRobotics Courier 9600 HST, ein grosser Sprung gegenüber dem Supra. Ich hatte jetzt eine eigene Leitung – und die Rechnung kam nur alle zwei Monate, was den Schock umso grösser machte.

Einmal lag da eine Rechnung über knapp 1200 CHF. Ich rief bei der Telecom PTT an, das könne nicht stimmen. Sie schickten mir den Gebührenauszug auf Endlospapier mit Lochrand, eine Zeile pro Verbindung: 32 A4-Seiten im Querdruck, knapp 1000 Verbindungen. Es stimmte. Und das beim Lehrlingslohn, der damals deutlich darunter lag.

Vom User zum Sysop

Im Frühling 1991 zeigte mir derselbe Freund seine eigene Mailbox. Das gab den Ausschlag. Ich war eher zurückhaltend, und die Mailbox wurde mein Weg, mich einzubringen. So entstand die Empire BBS. Jetzt brauchte ich mehr Leitungen, denn mit einer kommt man nirgends hin, dazu das Routing für Fidonet und die anderen Netze.

Ein Detail am Rande, das zeigt, wie früh das alles war: Im Juni 1991 lief meine erste eigene Online-Überweisung über ein Videotex-Terminal und Telegiro PTT. Jahre vor dem öffentlichen Internet.

ISDN, im Alleingang

1992 wurde ISDN in der Schweiz spruchreif. Ich liess mir über meinen Arbeitgeber die Unterlagen der Telecom PTT bestellen und installierte die Leitung selbst, nach Vorschrift, bei mir zu Hause. Mein Chef fragte, was das sei, er kannte es noch nicht. Ende 1992 lief mein erster ISDN-Anschluss, vermutlich einer der ersten Liechtensteins. Im Amiga steckte eine ISDN-Master-Karte, das Telefonieren übernahm die Software WilhelmTEL, deren Beta-Tester ich war.

Für die Mailbox änderte das alles. Keine Einwahl mehr, einfach Klick und verbunden. Schneller, aber auch teurer, denn in gleicher Zeit gingen mehr Verbindungen.

ISDN veränderte aber nicht nur die Mailbox, sondern meinen ganzen Berufsalltag. Bis dahin galt in Liechtenstein: pro Gesellschaft eine eigene Rufnummer, und jede Nummer hing an einer eigenen analogen Leitung. Bei Adressen mit vielen Sitzgesellschaften standen so schnell zwanzig oder dreissig Apparate in einem Raum, jeder mit dem Namen seiner Firma angeschrieben – und ich zog all diese Leitungen. Mit ISDN liessen sich Leitungen und Rufnummern plötzlich unabhängig voneinander buchen, und aus dem Raum voller Apparate wurden ein paar Leitungen mit einem ganzen Nummernblock. Wie das technisch funktionierte, steht bei ISDN & PBX.

Vom Hobby zum Beruf

Nach dem Ausbildungsabschluss 1994 wechselte ich im Oktober 1995 ganz in die Telefonietechnik. Zuerst Service, dann Telefonanlagen. Es war eine eigenartige Zeit. Kunden erzählten mir vom Neuen, vom Internet, von ISDN. Und ich sass da und dachte, das habe ich seit Anfang der 90er. Neu war es nicht, es wurde nur langsam publik.

Der Boom und der Anfang vom Ende

1996 kam der Internet-Boom, noch per Einwahl. Ausgerechnet die Technik, die ich längst installierte, zog die Leute nach und nach weg von der Mailbox. Die User wurden weniger, die Kosten blieben. Trotzdem liess ich Empire noch Jahre laufen, aus Idealismus und weil ich als Hub in den Netzen eine Rolle hatte. Erst 1999 zog ich den Schlussstrich.

Zwei Enden auf einmal

1999 stellte ich Empire endgültig ab, die Amigas wanderten in den Keller. Der Amiga war ohnehin am Ende, Commodore längst pleite, und mit ihm eine ganze Welt. Im Oktober 1999 endete zugleich mein Job als Telefontechniker. Anfang 2000 wechselte ich als Angestellter in die IT, und im Oktober 2000 machte ich mich selbstständig – der Grundstein der eigenen Firma.

Von Kupfer zu Glas

Beruflich ging die Reise weiter. Gegen Ende der 90er kam ADSL, erstmals dauerhaft online zu Fixkosten, ein grosser Sprung. Danach VDSL, noch über Kupfer. Und 2018/19 die Glasfaser, mit einem Gigabit und mehr, später bis 25. Von 2400 Baud bis 25 Gigabit, das war meine Reise.

Geschichten aus der analogen Zeit

Neben dem geradlinigen Werdegang gibt es die kleinen Episoden, die hängenbleiben – Tricks, Eigenheiten und Aha-Momente aus einer Technik, die es so nicht mehr gibt. Sie stehen ausserhalb der Zeitlinie, denn sie gehören keinem einzelnen Jahr, sondern der ganzen Ära.

Der Teletester

Ein Werkzeug begleitete mich durch die ganze analoge Zeit: der Teletester, im Grunde ein kleiner Prüfhörer. Damit schaltete man sich auf eine Leitung, um sie im Verteiler zu suchen – hochohmig zeigte eine Diode das Klingeln an, niederohmig hörte man über den Lautsprecher hinein.

Einmal war ich bei einem Kunden, um eine analoge Leitung anzuschliessen. Beim Suchen rutschte ich auf den Kontakten ab, und aus dem Lautsprecher ertönte: „Diese Nummer ist ungültig.“ Mein Kollege lachte und fragte, ob ich etwa versuche, eine Nummer zu wählen. Ich lächelte nur, tippte mit dem Teletester im richtigen Takt seine Handynummer – der Prüfkontakt wirkt wie der Gabelkontakt, das ist nichts anderes als Impulswahl von Hand. Als es bei ihm klingelte, sagte ich: „Wenn ich eine Nummer wählen will, mache ich das auch.“ Er war ziemlich erstaunt.

Die Fernbedienung, die zu viel konnte

Die ersten besseren Anrufbeantworter kamen mit einer kleinen Fernbedienung: einem Tongeber, der die Töne der Frequenzwahl abspielte. Man hielt ihn ans Mikrofon des Hörers und konnte so von unterwegs seinen Beantworter abhören – sogar von einem Telefon, das selbst nur Impulswahl konnte. Praktisch, denn Tonwahl war damals längst nicht überall verfügbar.

Findige Leute merkten schnell, dass so ein Tongeber ja nichts anderes tat, als DTMF-Töne zu erzeugen – dieselben Töne, mit denen man wählt. In Telefonkabinen liess sich damit eine Nummer wählen, ohne Geld einzuwerfen. Das blieb nicht unbemerkt: Später baute man die öffentlichen Automaten so um, dass das Mikrofon erst nach dem Verbindungsaufbau freigeschaltet wurde. Damit war der Trick Geschichte. Öffentliche Telefone sind es heute übrigens auch.

Die blockierte Leitung

Bei der alten analogen Technik galt eine einfache Regel: Die Verbindung blieb bestehen, bis der Anrufer auflegte. Legte nur der Angerufene auf, blieb die Leitung belegt. Das nannte sich Rückauslösung – und wer sie kannte, konnte sie ausnutzen.

Erzählt wurde etwa von Taxifahrern, die eine Fünflibermünze in einen öffentlichen Apparat warfen, die Zentrale der Konkurrenz anriefen und dann einfach nicht auflegten. Die Leitung des Mitbewerbers war blockiert, solange die Verbindung stand – und die Kundschaft rief eben dort an, wo sie durchkam. Behoben wurde das erst, als die Technik auf beidseitige Auslösung umgestellt wurde: Seither trennt das Auflegen einer Seite die Verbindung zuverlässig.

// Technik im Detail

Die Geräte und Standards dahinter habe ich auf eigenen Seiten gesammelt.

  • Leitungen & Dosen — 4-Loch-Dose, TT83, GA-Relais, Verteiler.
  • ISDN & PBX — Telefonanlagen, NT-2ab, ISDN-Router.
  • Telefone — Von der Wählscheibe über DTMF bis ISDN und schnurlos.