Technik im Detail · ISDN-Master & WilhelmTEL
ISDN-Master & WilhelmTEL
Als 1992 der erste eigene ISDN-Anschluss kam, brauchte es ein Stück Hardware, um den Amiga ans digitale Netz zu hängen. Die Antwort war eine Steckkarte mit dem hübschen Namen ISDN-Master – und eine Software, die daraus ein vollwertiges Telefon machte.
Die Karte
Der ISDN-Master II stammte von der bsc büroautomation AG (Hardware) und der Relog AG (Software); das Handbuch trägt die 3. Ausgabe von Juni 1994. Die Karte wurde in den Amiga gesteckt und über den S0-Bus an den ISDN-Anschluss gehängt; ein Telefonhörer und ein Audio-Eingang liessen sich direkt anschliessen.
Der eigentliche Clou steckte in der Software: Über das mitgelieferte bscisdn.device verhielt sich die Karte wie ein ganz normales Modem – sie verstand dieselben „AT“-Befehle und war kompatibel zum serial.device des Amiga. Dadurch konnten Terminal- und BBS-Programme die schnelle ISDN-Leitung nutzen, ohne etwas von ISDN zu wissen. Sie „sahen“ einfach ein besonders flottes Modem.
WilhelmTEL – der Amiga als Telefon
Zum ISDN-Master gehörte das Programm WilhelmTEL (von der Relog AG). Mit passendem Hörer verwandelte es den Amiga in ein regelrechtes ISDN-Komforttelefon samt Anrufbeantworter – Jahre bevor solche Funktionen selbstverständlich wurden. Ich war einer seiner Beta-Tester.
Laut Handbuch beherrschte WilhelmTEL unter anderem:
- Alle Telefon-Grundfunktionen: Abheben, Wählen, Wiederwahl, Anrufe annehmen, Auflegen, Umstecken am Bus
- Umschalten zwischen mehreren Gesprächen, Makeln, Parken mit Pausenmusik
- Frei programmierbare Klingelzeichen (Melodie oder Tondatei) je MSN – jede Nummer einzeln ein-/ausschaltbar
- Telefonbuch-Datenbank mit Doppelklick-Wahl und selektiver Anruferunterdrückung
- Anrufbeantworter mit anruferspezifischen Ansagen, abhörbar per Hörer oder Amiga-Lautsprecher
- Mitschneiden von Gesprächen, Gebührenabrechnung mit Dauer und Kosten
- Läuft im Hintergrund, per Hotkey aktivierbar – meldet sich bei ankommenden Anrufen selbst
Funktionsübersicht sinngemäss nach dem Benutzerhandbuch „ISDN-Master II“, 3. Ausgabe 1994 (© bsc büroautomation AG / Relog AG). Hier nur als kurzes Zitat zur Einordnung wiedergegeben, nicht als vollständige Anleitung.
Der Anrufbeantworter
Am handfestesten war der Anrufbeantworter. Eingehende Nachrichten landeten als Dateien auf der Festplatte, mit Datum, Uhrzeit, MSN und Länge in Sekunden. Abhören, umbenennen, zurückrufen oder löschen ging per Knopfdruck. Für 1994 war das am heimischen Rechner alles andere als selbstverständlich.

Der Blick auf die Leitung
Daneben lief ein kleines Werkzeug mit, der ISDN StateMon von Christian A. Weber. Es zeigte für jede Einheit die Leitungssignale, die übertragenen Kilobyte, die laufenden Kosten und die Gegenstelle. Wer wissen wollte, was der Anschluss gerade tat, schaute hierhin.
