Hauptstrang · Mailbox-Story
Empire BBS — eine eigene Mailbox
Zwischen 1991 und 1999 lief in Eschen, Liechtenstein, eine eigene Mailbox: Empire BBS. Kein Internet im heutigen Sinn, sondern ein Amiga am Telefonnetz, in den sich andere per Modem und später per ISDN einwählten – um Nachrichten zu lesen, Dateien zu tauschen und Teil einer kleinen, technisch versierten Gemeinschaft zu sein.
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_/ \_ B B S
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|| IIIIIIIII || / Die rekonstruierte /
\\_IIIIIII_// / Original-BBS aus dem /
\ ::::::: / / Fuerstentum Liechtenstein /
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\|___|/ GAST-ACCOUNT: Name: GUEST, Passwort: EMPIREDie Maschine
Angefangen hat alles 1987 mit einem C64 – dem Einstieg, gleichzeitig die erste Englischschule über die Computerspiele jener Zeit. 1988 kam der Amiga dazu. Die erste echte Mailbox-Maschine wurde ein Amiga 2000 mit einer 80-MB-Festplatte von Conner, später erweitert um eine 6-fach-Serialkarte und vier USRobotics-Modems. Im letzten Drittel der Mailbox-Zeit übernahm ein Amiga 3000T – heute, 2026 wiederentdeckt, ein gesuchtes Sammlerstück.
Die Modems erzählen die Geschwindigkeitsgeschichte im Zeitraffer: vom Supra 2400 als erstem Testmodem (1989, auf einer Grillparty ausprobiert) über ein USRobotics mit 9600 bps für stolze 1000 CHF bis hinauf zu 28.8k, schliesslich ISDN. Der erste ISDN-Anschluss kam 1992; im Amiga steckte dafür eine ISDN-Master-Karte, die sich wie ein Modem ansprechen liess. Am Ende standen vier gleichzeitige Kanäle bereit: zwei feste analoge Leitungen und ein ISDN-Basisanschluss, dessen zwei B-Kanäle sich digital, analog oder gemischt belegen liessen. Dazu zehn MSN-Nummern für die verschiedenen Einwahl-Zwecke, Privates und Tests. Der laufende Betrieb schlug entsprechend zu Buche. Rund 180 CHF Grundgebühren im Monat, dazu je nach Verkehr 200 bis 300 CHF an Gesprächsgebühren. Das Telefonieren am Amiga selbst übernahm WilhelmTEL, die Software zum ISDN-Master, ein ISDN-Komforttelefon mit Anrufbeantworter, dessen Beta-Tester ich war.
→ Wie alles anfing: Der erste Kontakt
Der Start 1991 und die Software
Empire BBS ging 1991 in Betrieb – zunächst auf der Software Paragon. Eine kurze Episode folgte mit AmiExpress: Die Cracker-Gruppe Analog wünschte sich das System als europäisches Hauptquartier, die Mailbox wurde sogar in einer Amiga-Demo erwähnt. Diese Phase dauerte nur zwei, drei Monate. Ab 1992/93 lief dann Xenolink, im Beta-Test mitentwickelt – und blieb bis zum Schluss 1999 im Einsatz.
Woher der Name „Empire“? Er stammt von „Empire — Wargame of the Century“, meinem damaligen Lieblings-Strategiespiel. Mit Star Wars hat der Name also nichts zu tun – ich bin ohnehin Trekkie.
Kleiner Fund für alle, die bis hierher lesen. In der rekonstruierten Mailbox steckt der Trekkie noch drin, man tippt im Hauptmenü einfach startrek.
HHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHH
HH HH
HH E M P I R E - B B S HH
HH HH
HH LINE #1: ++41 (0)75 373 59 84 (16800 DS ) HH
HH LINE #2: ++41 (0)75 373 49 26 (14400 HST) HH
HH 24 H Online HH
HH AmiNet : 44:8010/901&904&954&955 HH
HH FidoNet: 2:301/416&417 HH
HH ParaNet: 44:8010/994 HH
HH SFNet : 142:120/216 HH
HH AmigaNet: 39:110/901&904&954&955 HH
HH HH
HH ** NOW UNDER XENOLINK - POWER ** HH
HHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHDie Netzwerke
Eine Mailbox war kein Inselbetrieb. Empire BBS war Knoten im Fidonet mit der Adresse 2:301/416 – die 2 steht für Europa, die 301 für die Schweiz und Liechtenstein, die 416 für Empire BBS. Hinzu kam das AmiNet, der kleine Bruder des Fidonet im deutschsprachigen Raum – ich war Mitbegründer, und Empire diente als Hub, der die Post ins und aus dem Ausland weiterleitete (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Datei-Archiv aminet.net). Dazu das internationale Amiganet für Amiga-Systeme über Ländergrenzen. Über ein UUCP-Gateway entstand 1992 zudem die erste eigene E-Mail-Adresse, Jahre bevor E-Mail allgemein bekannt wurde. Gegen Ende kam das SWF3-Netz dazu, mit dem Branding des Radiosenders.
→ Die ganze Geschichte: Das SWF3-Archiv
Nachrichten reisten per Polling. Statt jede Nachricht einzeln und teuer ans Ziel zu telefonieren, sammelten die Systeme sie und gaben sie in automatischen, meist nächtlichen Anrufen gebündelt weiter, wenn die Gespräche günstiger waren. Was heute ein Klick ist, war damals ein abgestimmter Stafettenlauf von Mailbox zu Mailbox.
Wie fest die Mailbox-Szene damals vernetzt war, zeigt ein unabhängiger Fund: Die DreamList, das monatliche Verzeichnis sämtlicher Schweizer Mailboxen, führt Empire BBS in ihrer Ausgabe vom Februar 1996 unter „Vaduz/FL“ auf – mit drei Leitungen (zwei analog, eine ISDN) und der Software Xenolink. Die ganze Liste, samt Empire-Eintrag, gibt es hier im Original.
Die Community und der Alltag
Es gab zwei Welten. Unter den Sysops ein organisiertes Netzwerk aus Mail- und Softwareaustausch, aus dem viele Freundschaften entstanden. Und die User – von guten Freunden bis zu „Noobs“, die wegen jeder Kleinigkeit nach dem Sysop riefen. Wer begehrte Dateien wollte, musste über die Ratio auch selbst etwas beitragen: ungefähr 2:3 bei gefragten Dateien, 1:3 bei Public Domain.
Sich einzuwählen verlangte technisches Wissen – das filterte. Die Community war kleiner, aber kundiger als das spätere „Kraut und Rüben“-Internet. Diese Qualität vermisse ich bis heute. Was mich so lange durchhalten liess, bis 1999, war weniger ein einzelnes Highlight als Idealismus und die aktive Rolle als Hub im AmiNet und Fidonet.
Aus dieser Zeit stammt auch eine der schrägsten Anekdoten überhaupt: die Beavis-&-Butt-Head-Hotline. Aus einer freien ISDN-Rufnummer wurde damals versehentlich ein regionaler Viral-Hit mit mehreren hundert Anrufen pro Tag – die ganze Geschichte steht unter Diverses.
Das Ende einer Ära
Ab 1995 wurde das Internet öffentlich relevant, und nach und nach wanderten die User ab. Gleichzeitig war ich meiner eigenen Kundschaft technisch oft voraus – eine teils anstrengende Phase. Trotzdem lief Empire BBS noch Jahre weiter, bis der Betrieb 1999 endgültig eingestellt wurde und die Amigas in den Keller wanderten. Es war dasselbe Jahr, in dem im Oktober auch meine Zeit in der Telefontechnik endete – Anfang 2000 folgte der Wechsel in die IT. Parallel ging der Amiga insgesamt unter; der Weg führte Richtung PC.
Wiederentdeckung 2026
Was als kleiner Wunsch begann – den Login-Screen noch einmal zu sehen und die seit rund 30 Jahren eingelagerten Amigas aufzubereiten –, wurde 2026 zur Datenrettung. Der A3000T hatte überlebt (seine CMOS-Batterie war nicht ausgelaufen); die Festplatte liess sich mit BlueSCSI auslesen, das komplette Xenolink-System samt rund 34 000 Nachrichten aus den Betriebsjahren lief in WinUAE wieder. Daraus entstand die browserbasierte Nachbildung. Die ganze Geschichte dazu steht auf einer eigenen Seite: Die Datenrettung.
Und ein zweiter, anachronistischer Gast hat sich eingeschlichen. Wer in der Demo claude eintippt, trifft auf jemanden, den es 1996 noch nicht gab, der aber an diesem Restore-Projekt beteiligt war.