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Wie Fidonet funktionierte

Das Fidonet verband weltweit tausende privater Mailboxen, ganz ohne Internet. Damit das klappte, war es streng hierarchisch organisiert. Die Adressen sind aufgebaut wie eine Postadresse, von der Weltregion bis zur einzelnen Mailbox.

Die Adresse liest sich wie eine Postadresse

Jede Mailbox hatte eine eindeutige Adresse nach dem Schema Zone:Net/Node.Point. Empire BBS war 2:301/416. Wie eine Postadresse von Land über Kanton und Ort bis zur Strasse immer feiner wird, geht auch die Fidonet-Adresse von grob nach fein, von der Weltregion bis zur einzelnen Mailbox:

Der Netz-Baum

Von der Zone hinunter zum einzelnen User bildet das Fidonet einen Baum. Dieselbe Ordnung wie bei einer Postadresse, von grob nach fein.

Hierarchie des Fidonet: Zone, Net, Node, PointZone 2EuropaNet 301CH / FLNet 310 …andere Regionen/416Empire BBS/407/472 ….1.2Points = private User
Von oben nach unten: Zone (Kontinent) → Net (Region) → Node (einzelne Mailbox) → Point (privater Teilnehmer). Empire BBS sass als Node/416 im Net 301.

Warum es Hubs brauchte

Ein Node rief nicht für jede Nachricht jeden anderen Node direkt an. Bei Ferngesprächen wäre das unbezahlbar gewesen. Stattdessen wurde die Post gebündelt und die Hierarchie entlanggereicht. Genau dafür gab es Hubs. Ein Hub ist eine Sammelstelle. Er nimmt die Nachrichten vieler Nodes entgegen und gibt sie gebündelt weiter.

Der Effekt war enorm. Statt dass hundert Nodes einzeln ins Ausland telefonierten, führte ein internationales Gateway pro Region nur eine teure Auslandsverbindung. Darin steckte die gebündelte Post einer ganzen Zone.

Das Polling lief meist abends und nachts. Das hatte zwei Gründe. Tagsüber sollten die Leitungen frei bleiben. Und nachts waren die Telefontarife tiefer. Die Zeiten waren aufeinander abgestimmt, damit eine Nachricht möglichst schnell von System zu System weiterkam. So erreichte sie in wenigen Tagen die ganze Welt, obwohl kein Rechner im heutigen Sinn „online“ war.

Empire BBS war dabei nicht bloss Endpunkt. In den Amiga-Netzen übernahm die Mailbox selbst eine Hub-Rolle und leitete Post an andere Systeme weiter.

Wie das konfiguriert war

Verwaltet wurde das in einer einzigen Liste, der SYSTEMS.CONFIG. Darin standen sämtliche Gegenstellen nebeneinander, quer über alle Netze, in denen Empire BBS hing: Fidonet, AmiNet, Amiganet und die übrigen. Ob Node, Hub oder Point, alle standen gleichberechtigt untereinander. Jede Zeile hält die Adresse fest, das Packformat, das Anmeldeverfahren und die Frage, ob Empire die Post aktiv verschickt oder sie zur Abholung bereitlegt.

Der Xenolink Network Systems Editor mit geöffneter Datei SYSTEMS.CONFIG: eine lange Liste von Fidonet-Adressen wie 2:301/416.10 oder 155:41/0.0, je mit den Spalten LHA, EMSI und dem Versandmodus send oder HOLD, rechts Einstellungen für Passwort, Linkup, ARCmail und Paketprüfung.
Die SYSTEMS.CONFIG von Empire BBS, hier zwei Netze auf einen Blick: oben die Zone 155, darunter der Fido-Block 2:301. Die vielen Einträge 2:301/416.x sind die eigenen Points und stehen auf HOLD, ihre Post lag also bereit, bis sie selbst anriefen. Wo send steht, rief Empire aktiv an.

Ein Originaldokument: die Point-Anleitung

Wer als Point mitmachen wollte, bekam auf Empire BBS eine Anleitung zu lesen – vom Sysop selbst geschrieben, im Ton der frühen 90er. Sie erklärt, was ein Point ist, wie man einer wird, und listet die damals verfügbaren Bretter aller Netze auf. Hier das Original, unverändert (inklusive der Amiga-typischen Umlaut-Schreibweise „ue/ae/oe“):

Original-Anleitung anzeigen (Empire BBS, ~1993)
POINT.TXT — Empire BBS
Originaltext aus den Bulletins der Empire BBS, geschrieben vom Sysop. Nennt u. a. die Point-Software „Spot“ und rund 105 Bretter in Aminet, Fidonet, ParaNet und SFNet.

Dieselbe Idee in anderen Netzen

Fidonet war das bekannteste Netz, aber längst nicht das einzige. Die meisten Mailbox-Netze waren fast gleich aufgebaut – dieselbe Ordnung aus Zonen, Nets und Nodes. Wer die Fidonet-Logik einmal verstanden hatte, fand sich überall zurecht. Empire BBS trug in jedem dieser Netze eine eigene Adresse.

Dazu kamen etliche kleinere und thematische Netze – etwa ParaNet, RaveNet, SFNet oder das SWF3-Net rund um den gleichnamigen Radiosender. Insgesamt war Empire BBS in rund zehn solcher Netze erreichbar, jedes mit eigener Adresse.

Das ganze Netz-Zoo: über dreissig FTN-Netze auf einen Blick

Jedes dieser Netze funktionierte technisch wie Fidonet – dieselbe Adress-Systematik Zone:Netz/Node, dieselbe Store-and-Forward-Logik – nur mit eigenem Themenschwerpunkt und eigener Zonennummer. Diese Übersicht stammt aus der Swiss BBS-Liste („DreamList“) von rund 1994. Fett markiert sind die Netze, in denen Empire BBS selbst mitmischte.

ZoneNetzSchwerpunkt
2:Fidonetweltweit, über 20 000 Systeme
9:VirNetVirenjäger
15:DataNetLinkAsien
15:AdultNetErotik
16:ZyXELnetZyXEL-Modems
27:SigNet
37:ParaNetParapsychologie
39:AmigaNetAmiga, weltweit
42:SuperNetSuperBBS
43:AnarchyNet
44:AmiNetAmiga, Schweiz
52:GlobalNet
56:X-NetErotik
69:GayNet
73:RA-NetRemote-Access-BBS
74:DemNetDemokratie
81:OS2NetIBM OS/2
88:TopNet
90:NeSTAtari ST
90:MaxNet
91:Robo-NetRoboBoard/FX-BBS
94:GrafxNet
100:BorlandNet
101:FrancoMedia
102:Lif-Net
144:GamesNet
144:LichtNetMagic, UFOs u. Ä.
154:RIPnetRIP-Grafik
177:Box OfficeFilme
202:Oase NetShareware
250:SL-NetSearchlight-BBS
640:SwissWildNetWildcat!-BBS

Brücke ins Internet: das UUCP-Gateway

Fidonet konnte mehr als nur Mailboxen verbinden. Über ein UUCP-Gateway liess sich echte E-Mail verschicken und empfangen. So hatte Empire BBS schon 1992 eine eigene E-Mail-Adresse. Das war Jahre vor dem öffentlichen Start des Internets.

Schnell war das nicht. Eine UUCP-Mail wurde von System zu System weitergereicht, meist nachts beim Polling. Bis sie ihren ganzen Weg hinter sich hatte, vergingen je nach Zwischenstationen ein bis mehrere Tage. Für damalige Verhältnisse war das trotzdem beeindruckend.